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11.03.19 autorFLS

Der Amoklauf – Winnenden 10 Jahre danach und die Folgen

AMOKLAUF in Winneden. Gedenktag 10 Jahre danach.

Am 11. März 2009 ereignete sich der Amoklauf von Winnenden nordöstlich von Stuttgart in Baden-Württemberg und erschütterte das ganze Land. Durch diese Tat hat sich in der deutschen Schullandschaft vieles geändert. Sowohl die schulische Realität als auch der Umgang mit den Schülern und Pädagogen sind im Schulalltag heute anders. Die Einschnitte und Veränderungen waren kurz nach dem Vorfall gravierend und begleiten uns bis heute und auch weiter in der Zukunft.

Die Frage der Sicherheit, das individuelle Verhalten an Schulen und die Prävention wurden komplett neu überdacht und geändert. Der Gedanke, dass man an Schulen nicht so sicher ist, wie man immer vermutet hatte, wurde allgegenwärtig, und auch die Gesellschaft begann präventiver zu agieren. Jede größere Katastrophe führt dazu, dass man sein Handeln und seine Umgebung neu betrachtet und versucht das Risiko zu minimieren.

Es ist nicht lange her, dass z.B. die Gurtpflicht im Straßenverkehr eingeführt wurde. Der Widerstand war zunächst groß, doch heute ist es selbstverständlich sich anzuschnallen. Auch wurde z.B. erst ab 2001 die Handgepäckkontrolle an Flughäfen verschärft und die Mitnahmeverbot von Flüssigkeit erst ab 2006 eingeführt. Der Cockpit des Flugkapitäns war vor dem 11. September auch für die Passagiere auf Anfrage zugänglich. Alles änderte sich durch die Terroranschläge im Flugverkehr.

Polizisten in Deutschland müssen seit 1983 auch bei schulischen Tätigkeiten bewaffnet sein, da durch den Amok-Fall in Eppstein-Vockenhausen an der Peter-vom-Stein-Schule der Polizist Gisbert Beck sich dem Täter unbewaffnet entgegen stellte und dabei erschossen wurde. Jeder tragische Vorfall führt zum Umdenken und zu entsprechend mehr Sicherheitsmaßnahmen.

Jeder tragische Vorfall, führt zum Umdenken und zu präventivem Verhalten.

Fehlgeleiteter Aktionismus der Schulträger

Durch diese schrecklichen Vorfälle gab es in mehreren Landkreisen und Städten Bestrebungen Sicherheitssysteme zu installieren, die vorwiegend auf technischen Komponenten beruhten, wie z.B. ein Amok-Knopf neben dem Brandmelder oder Gegensprechanlagen. Diese hatten aber im Gegensatz zu unserem FLS-System den Nachteil, dass sie sehr kostenintensiv in der Installation und in der Wartung sind. Auch kamen die Problematik des Datenschutzes und mögliche Fehlfunktionen hinzu, die am Anfang nicht berücksichtigt wurden.

Vielleicht lag es daran, dass Gelder zur Verfügung standen, die ausgegeben werden konnten oder man schnell Ergebnisse präsentieren wollte, ohne über die zukünftigen Folgen nachzudenken. Größtenteils wurden einige dieser technischen Installationen in manchen Landkreisen wieder abgebaut, da die Gefahr des Fehlalarms bzw. die Gefährdung dadurch zu hoch war. Bei einem falschen AMOK-Alarm ist es nicht so wie bei einem Feueralarm, wo erst einmal eine kleine „Vorhut“ zur Gefahrenquelle fährt.

Bei einem AMOK-Alarm werden alle verfügbaren Kräfte zur Schule geleitet, da die Gefahr nicht nur punktuell an einem Ort ist, sondern die Täter, wie zum Beispiel in Winneden, flüchten können und erneut an anderen Orten zuschlagen. Dadurch ist bei so einer Gefahrenlage schnelle Reaktion und ein großes Aufgebot an Leuten erforderlich. Die Gefahr eines Fehlalarms und der daraus folgenden Einsätze wurde nun den Verantwortlichen zu groß. Somit wurden z.B. in Hamburg die AMOK-Knöpfe in den Fluren wieder entfernt.

Natürlich ist die Gefahr real. Polizei und Rettungsdienste proben solche Einsätze in regelmäßigen Aständen, bei denen zum Teil über 200 Beteiligte zum Einsatz kommen. Neben dem AMOK-Lauf an Schulen ist auch die Gefahr von Terroraktionen möglich, da nicht nur potentielle Täter Schüler sein müssen. Die Vielzahl der Möglichkeiten und Orte zwingt uns, unser Sicherheitsbewusstsein zu schärfen und Szenarien durchzuspielen, um im Notfall zu wissen, was getan werden muss.

Mit dem aktionistischen Verlangen der Politik schnelle Ergebnisse zu präsentieren und umzusätzen, um Schulen wieder sicher zu machen, verhinderte eine nachhaltige Herangehensweise.

Schulalltag und Planung von heute

Wir haben den Wandel an den Schulen direkt miterlebt. Gerade als der AMOK-Lauf statt gefunden hatte, war die Aufregung an Schulen sehr groß. Viele Schulleiter und Pädagogen waren zu diesem Zeitpunkt mit den Sicherheitsmaßnahmen an Schulen überfordert. Ein normaler Unterricht war an vielen Schulen in den ersten Wochen nach dem Vorfall kaum möglich. Keiner wusste genau was zu tun ist und man erwartete von den Verantwortlichen Vorgaben, die aber zunächst auf sich warten ließen.

Als wir in der Anfangszeit an den ersten Schulen waren, um uns bezüglich des Farbleitsystems einzuarbeiten und uns die Gebäude anzuschauen, war es üblich, dass wir uns auf dem Gelände ungehindert bewegten, Fotos machten und keiner uns eines Blick würdigte. Wir blieben unbeachtet.

Heute ist es vollkommen anders. Sobald ich ein Schulgelände betrete, ist es meine Pflicht mich im Sekretariat anzumelden, damit man weiß wer ich bin und was ich hier mache. Fotos dürfen, wegen der Schüler, nicht gemacht werden und wenn doch, dann nur, ohne Schüler. Auf dem Gelände werde ich sofort von Schülern angesprochen, von wem ich der Vater bin oder auch ein Lehrer fragt höflich, ob man helfen könnte. Dies ist eine der Änderungen, die sich in den letzen Jahren positiv entwickelt haben. Man beobachtet und informiert sich über fremde Personen. Es ist nicht mehr erwünscht, dass Fremde sich im Gebäude unbeaufsichtigt aufhalten.

Auch die Gebäudeplanung von Neubauten und Umbauten berücksichtigt immer öfter, neben dem Brandschutz, auch die Sicherheit bei Krisensituationen und hoffentlich auch in Zukunft mehr den Bereich Inklusion. Toiletten werden jetzt vorwiegend im gut sichtbaren Innenbereich geplant. Falls Toiletten im Außenbereich sind, dann werden diese nur während den Pausen aufgeschlossen.

Die Hausmeisterlogen werden vorwiegend im Haupteingangsbereich platziert, damit man leicht beobachten kann, wer kommt und geht.

Die Klassenzimmer sind mittlerweile bei den meisten Neubauten von Innen ohne Schlüssel abschliessbar oder haben zumindest einen Knauf, damit im Notfall die Tür vom Flur aus nicht geöffnet werden kann.

Auch entwickeln die Schulen eigene Krisenpläne, die gemeinsam mit den Schülern speziell für die jeweiligen Schule entwickelt werden. Jede Schule hat ihre eigenen Besonderheiten, die dann ausgearbeitet werden. Bei Bedarf werden diese Krisenpläne zwischen den Schulen untereinander ausgetauscht, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu motivieren. Krisenmanagement und Krisenteams sind keine unbekannten Begriffe mehr. Jeder weiß, was es bedeutet und wie wichtig es ist, dies im Schulalltag zu integrieren und immer wieder zu optimieren.

Zumindest beobachte ich dieses Vorgehen in den Landkreisen, in denen wir unser Farbleitsystem installiert haben. Auch dient unser Farbleitsystem oft als Einstieg in des Krisenmanagement an Schulen. Gerade beim Erstgespräch haben wir die Chance zu erfahren, wie weit der Sicherheitsaspekt an der Schulen vorhanden ist. Wir beraten neben unserem Orientierungssystem auch generell über die allgemeinen Sicherheitskonzepte, die eine Schule bereits hat und neu planen kann.

 

Die Schulen sind nur so sicher, wie es die Schule selbst fordert.

Unser Farbleitsystem

2009 wurden wir, bedingt durch den tragischen AMOK-Vorfall in Winneden vom Landkreis Main-Taunus-Kreis, gebeten mit dem Präventionsrat „Sicherheit an Schulen“, der zuständigen Polizei, Feuerwehr und dem Rettungsdienst ein Orientierungssystem an Schulen zu entwickeln, dass den Beteiligten die Möglichkeit gibt, sich im Notfall schnell und einfach in der Schule zurecht zu finden. Kommunikation nach Außen und unmissverständliche Mitteilungen, wo sich die jeweiligen Beamten befinden oder wo der Täter zu finden ist, war einer der großen Herausforderungen bei dem Vorhaben für ein neues System. Ein entsprechendes Orientierungssystem gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht und man konnte auf kein vorheriges Szenario oder Erfahrung zurückgreifen.

Das Leitsystems dient dazu, dass Einsatzkräfte in eine Schule stürmen können und genau wissen, wo Sie sich befinden bzw. wohin sie eilen müssen. Denn Gerade der AMOK-Lauf in Winneden und auch der Amok-Lauf in Erfurt am 26. April 2002 hat gezeigt, daß es nicht ausreicht nur vor Ort zu sein und das Außengelände zu sichern. Schon 2009 war die Polizei gesetzlich verpflichtet in die Schule zu stürmen und den Täter zu stoppen. Doch dies war nicht passiert. Stattdessen wurde auf das Sondereinsatzkommando gewartet, wobei dadurch viel Zeit verloren ging und der Täter die Möglichkeit hatte, weiter zu morden.

In kürzester Zeit den Täter zu stoppen ist der Vorteil eines funktionierenden Orientierungssystems, wie z.B. unserem Farbleitsystem.

Einfache Komponenten und pragmatische Zielsetzungen

Im Vordergrund stand der Gedanke ein Leitsystem zu erschaffen, das flexibel, für alle nutzbar, günstig und schnell installierbar war. Wir konnten uns nicht den Luxus leisten, bereitgestellte Entwicklungsgelder auszugeben und zu schauen, ob es funktioniert. Auch war es politisch wichtig, daß alle Entscheider, über den Landrat, den Polizeichef und die Schulleitung mit einbezogen wurden. Dies hätte natürlich zu unendlichen Diskussionen geführt, wenn unser System schon zur Anfangsphase Schwachpunkte gezeigt hätte. Denn gerade in der Phase, wo die AMOK-Läufe gesellschaftlich sehr präsent waren, mussten wir einen kühlen Kopf bewahren und geplant vorgehen. Natürlich wurden andere Systeme und Vorschläge zu mehr Sicherheit an Schulen in anderen Landkreisen und Städten schneller vorangetrieben. Das Presseecho war zu dieser Zeit immens. Jeden Tag konnte man irgendwo lesen, was für Ideen für die Sicherheit an Schulen umgesetzt wurden. Es gab Pagers für jeden Lehrer, irgendwelche technischen Warnsysteme oder Kameraüberwachungen. Alles wurde umgesetzt, sofern es technisch machbar war und medial präsentiert werden konnten. Die Politiker waren in ihrem Element. Geld spielte wohl zu der Zeit keine Rolle.

Unsere erste Schule, die Weingartenschule in Kriftel, wurde im September 2009 mit unserem ersten Entwurf des Farbleitsystems ausgestattet. Natürlich war die regionale Presse anwesend, aber es wurde nur als ein neues einfaches Modul für mehr Sicherheit an Schulen vorgestellt. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt nicht erwartet, dass es nach 10 Jahren zu einem der beliebtesten Orientierungssysteme in Deutschland werden würde. Heute ist das FLS an über 200 Schulen bundesweit im Einsatz.

Orientierungstafel im Außenbereich des Privatgymnasiums Dr. Richter in Kelkheim. Neben der Orientierung hat das Farbleitsystem auch die Möglichkeit, dass man die Außentafeln mit dem eigenen Schullogo bekleben kann.
Unsere erste Schule war eine Lernstunde, denn erst als es fertig installiert war, konnten wir sehen, was wir noch alles fehlte. So kamen wir Schritt für Schritt zu unserem heutigen Farbleitsystem.
Eingangsbereich der Schule. Gut erkennbar ist, dass nicht nur die Farbbereiche und die Eingangsbezeichnung angezeigt wird, sondern auch verschiedene Funktionsräume. Das Farbleitsystem ist bei solchen Details sehr flexibel.
Wandmarker dienen der Orientierung in den Fluren.
Die Türmarker können neben der Raumnummer und Farbe auch die Funktionsbeschreibung oder auch Symbole zeigen.

Niemand ist perfekt

Bei der ersten Schulen haben wir erkannt, dass die großen Türmarker den Zweck erfüllen und gut sichtbar sind. Aber es sollte nicht alleine bei diesen Türmarkern bleiben. Aus der einen Komponente wurden weitere mit der Zeit. Mit jeder weiteren Schule wurde das Farbleitsystem immer weiter optimiert. Die Schulleitung und auch die Eltern kamen immer wieder mit weiteren Ideen, die wir prüften und gegebenenfalls umsetzten. Wir hatten uns von Anfang an richtig entschieden, dass wir mit Folien gearbeitet haben, um die Kosten niedrig zu halten, aber auch so flexibel bleiben, um auch die ausgestatteten Schulen mit neuen Elementen zu ergänzen. Neben den Türmarkern sind Wandkennzeichnungen, Kennzeichnungen im Eingangsbereichen und Orientierungstafeln auf dem Schulgelände mit der Zeit hinzugekommen.

Nur wer richtig zuhört, kann auch die richtigen Antworten liefern.

Nur wenn man es im Alltag nutzt, wird es ein Teil vom Ganzen

Bereits ganz zu Beginn war es unser Anliegen, dass das System auch im Alltag genutzt werden kann. Sogar der Bereich Inklusion bzw. Barrierefreiheit wurde bei der Umsetzung des Farbleitsystems berücksichtigt. Ein System, das sowohl mehr Sicherheit, bessere Orientierung für alle als auch Hilfe für Menschen mit eingeschränkter Wahrnehmung erfüllt, war unser Ziel. Dies haben wir soweit erreicht und hoffen, daß wir in Zukunft weitere Ideen entwickeln, die wir in das Farbleitsystem integrieren.

Das System hat sich als bewährtes Sicherheitselement an Schulen etabliert. Mittlerweile ist es in Hessen zu einem Standardsystem für bessere Orientierung an Schulen geworden, das im Alltag nicht mehr wegzudenken ist.

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